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200. Geburtstag: Felix Mendelssohn Bartholdy

"Denn er hat seinen Engeln . . ."

Musik muss "ein integrierender Teil des Gottesdienstes" sein

03. Februar 2009

(www.ekd.de)

Sein berühmtestes geistliches Werk beginnt wie aus dem Nichts: Schwebend entfaltet sich ein G-Dur-Akkord im vierstimmigen Frauenchor: "Denn er hat seinen Engeln befohlen über Dir . . .". Dann antwortet ein vierstimmiger Männerchor : . . . dass sie dich behüten auf allen Deinen Wegen", und schließlich vereinen sich beide Gruppen in einem wunderbaren, gefühlvollen achtstimmigen Satz. In Konzerten wird die Motette "Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir" gerne als Zugabe gesungen, und bei Tauf- und Traugottesdiensten bewegt diese Vertonung des 91. Psalms (Verse 11 und 12) immer wieder viele Menschen.

Felix Mendelssohn Bartholdy entstammt einer berühmten jüdischen Familie – der Aufklärungsphilosoph Moses Mendelssohn war sein Großvater –, aber Felix wurde, wie seine vier Jahre ältere Schwester Fanny, christlich getauft. Felix zeigte schon früh eine außerordentliche musikalische Begabung und galt als Wunderkind. Im Alter von zwölf Jahren trat er in Weimar vor Johann Wolfgang von Goethe auf, der gleich von ihm begeistert war.

Mit siebzehn Jahren machte ihn seine Ouvertüre zum "Sommernachtstraum" mit einem Schlag berühmt. Drei Jahre später führte er Johann Sebastian Bachs völlig vergessene Matthäuspassion in der Berliner Singakademie zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder auf. Damit leitete Mendelssohn eine Bach-Renaissance ein und legte den Grundstein für die bis heute überragende Stellung der Werke Bachs im geistlichen und weltlichen Konzertleben.

Der unermüdlichen Initiative Mendelssohns ist es zu verdanken, dass 1843 das erste Denkmal für Johann Sebastian Bach in Leipzig in einem kleinen Park hinter der Thomaskirche errichtet wurde, das noch heute dort zu sehen ist. Mendelssohn selbst trug einen großen Teil zur Finanzierung bei, unter anderem durch Benefizkonzerte.

Wenige Jahre später galt Mendelssohn als einer der berühmtesten Musiker Europas. Er wurde von Königshäusern und Verlegern hofiert und vom Publikum gefeiert. Neben fünf Sinfonien und zahlreichen Klavierwerken und Streichquartetten komponierte Mendelssohn viel weltliche und geistliche Vokalmusik. Aus seinen Psalmvertonungen, Motetten und Choralkantaten spricht eine fröhliche, undogmatische Frömmigkeit. Mendelssohn träumte von einer Versöhnung zwischen Judentum und Christentum. Seinen beiden großen Oratorien "Paulus" und "Elias" sollte ein drittes folgen, "Christus", das er aber nicht mehr vollenden konnte und von dem nur Fragmente erhalten sind.

Der Protestant Mendelssohn Bartholdy heiratete die Tochter eines reformierten Predigers, schrieb Kantaten zu Luther-Liedern, aber auch Mariengesänge und eine Fronleichnamssequenz für den katholischen Gottesdienst. Mendelssohn warnte davor, gediegene geistliche Musik nur noch im Konzertsaal zu singen und zu spielen, wie es ab 1800 vielerorts üblich war. Er meinte, solche Musik müsse "ein integrierender Teil des Gottesdienstes" sein, nicht bloß ein "mehr oder weniger zur Andacht anregendes" theatralisches Arrangement.

Die eingangs schon erwähnte berühmte "Engel"-Motette "Denn er hat seinen Engeln... " entstand, nachdem ein Attentat auf den Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. gescheitert war. Später fügte sie Mendelssohn seinem Oratorium "Elias" hinzu.

Jäh kam Mendelssohns Ende: Nach zwei Schlaganfällen starb er am 4. November 1847 im Alter von 38 Jahren. Und so beliebt Mendelssohn auch zu Lebzeiten war, so schwierig verhielt es sich mit seinem Nachruhm: Der Philosoph Friedrich Nietzsche nannte ihn einen "schönen Zwischenfall in der deutschen Musik", der Judenhasser Richard Wagner stand ihm kritisch gegenüber. Manche beklagen seine romantische Gefühlsseligkeit, andere rühmen seine schönen Formen. Der in Hamburg geborene, in Berlin aufgewachsene und 1847 in Leipzig gestorbene Mendelssohn gilt als Paradebeispiel der gehobenen leichten Muse, gefällig und elegant. Er war kein zerquältes Genie, an sich und der Welt leidend wie Robert Schumann, Richard Wagner oder Ludwig van Beethoven.

Anfang des 20. Jahrhunderts ging die deutsche Kultur auf Distanz zur gefühlsinnigen Romantik und auf Distanz zu jüdischen Künstlern und Intellektuellen, die in Poesie, Musik und Wissenschaft brillierten. Besonders schändlich ist der Versuch der Nationalsozialisten, Mendelssohn aus dem kulturellen Gedächtnis zu tilgen. 1936 zerstörten die Nazis Mendelssohns Bronzedenkmal vor dem Leipziger Gewandhaus. Seine Musik wurde verboten. Mehr als sieben Jahrzehnte dauerte es, bis im Oktober 2008 eine Replik des Mendelssohn-Denkmals an prominenter Stelle aufgerichtet wurde: auf dem Promenadenring vor der Leipziger Thomaskirche.

Heute gehört Mendelssohn besonders mit seiner wunderbaren und für die Ausführenden meist nicht zu schwierigen Musik wieder zum Standardrepertoire vieler Kirchenchöre. Das Jubiläumsjahr, das er sich allerdings mit Georg Friedrich Händel (250. Todestag am 14. April 2009) teilen muss, wird der Verbreitung seines Werkes wahrscheinlich großen Vorschub leisten.