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Bonifatiusjubiläum

Bonifatius, Vordenker des christlichen Abendlandes

Bonifatius, Vordenker des christlichen Abendlandes
- Zu seinem 1250. Todestag wirft die evangelische Kirche einen kritisch-würdigenden Blick auf Bonifatius

(ekhn.de)
"Ohne die Arbeit von Bonifatius wäre das heutige Europa nicht denkbar." Darauf hat der Kirchenpräsident der EKHN, Dr. Peter Steinacker hingewiesen. Es sei faszinierend, wie die Früchte eines Lebenswerks noch über ein Jahrtausend später nachwirken könnten, sagte Steinacker anlässlich eines Pressegespräches in Mainz zum 1250. Todestag des Missionars und Reformers Bonifatius. Er war am 5. Juni 754 auf einer Missionsreise in Friesland von einer Räuberbande erschlagen worden.

EKHN erinnert mit einem Nachbau an die historische Begräbnisstätte in Mainz
Schon zu Lebzeiten hatte Bonifatius sein Lieblingskloster Fulda als seine letzte Ruhestätte festgelegt. Auf dem Weg dorthin kam sein Leichnam über den Rhein nach Mainz. In seiner Mainzer Bischofskirche, auf dem Terrain der heute evangelischen Johanniskirche, wurde er aufgebahrt. Während seine Gebeine später in Fulda beigesetzt wurden, entstand in der St. Johanniskirche in Mainz sein "Eingeweidegrab". Es bekam 1357 einen neuen Grabdeckel, der aber seit 1823 im Dom steht. Ein Nachbau dieses Deckels präsentiert die EKHN nun an ihrem Originalplatz in der St. Johanniskirche.

Vordenker des christlichen Abendlandes
Kulturpolitisch gesehen hat Bonifatius das christliche Abendland vorweggedacht", folgerte Steinacker. "Er vereinheitlichte die verschiedenen Strömungen des Christentums in Germanien unter der Führung der römischen Päpste und stiftete ein Zweckbündnis zwischen der Kirche und dem Frankenreich. Aus den chaotischen Wirren der Völkerwanderung entstand so der Kulturkreis, aus dem das europäische Abendland erwuchs und damit die Basis, auf der heute Europa in der EU zusammenwächst."
Theologischer Verfall der Kirche und die Reformation ausgelöst
Bonifatius habe aber auch den Streit der Kirche mit dem Staat ausgelöst, der die Geschichte des gesamten Mittelalters geprägt habe. Darüber habe die mittelalterliche Kirchenführung weithin ihre geistlichen Grundlagen aus den Augen verloren und schließlich die Reformation notwendig gemacht.
Bonifatius habe zudem viele Strömungen des alten Christentums ausgegrenzt, etwa die arianische Theologie der Goten oder die keltische Frömmigkeit, die heute noch in Irland zu finden sei. Damit habe Europa auch etwas von der Vielfalt des Glaubens verloren.
Der individuelle Glauben braucht einen gemeinsamen Rahmen
Bonifatius habe erkannt, wie tief Religiosität in der Persönlichkeit des Einzelnen verwurzelt sei. Es sei ihm eine Herzensangelegenheit gewesen, durch Predigten Menschen vom Christentum zu überzeugen. Gewalttätige Zwangstaufen wie später bei den Sachsen habe es bei ihm nicht gegeben, so Steinacker. Gleichzeitig habe Bonifatius gewusst, wie wichtig eine gute theologische Fundierung und eine angemessene Struktur der Kirche sei. Bei seiner Ankunft auf dem Festland habe der aus England stammende Bonifatius unklare Kirchenstrukturen und weithin inkompetente Kirchenführer vorgefunden, die oftmals eine geringe theologische Ausbildung gehabt und starke politische Interessen verfolgt hätten. Dies habe Bonifatius kritisiert und durch eine klarere Kirchenorganisation bekämpft. "Bis heute gilt dieser Bezugsrahmen für Religion", so Steinacker wörtlich: "Glauben ist eine sehr persönliche Angelegenheit mit gesellschaftlichen Auswirkungen. Er verlangt sowohl nach dem Korrektiv einer seriösen Kirche als auch nach dem Respekt des Staates".
Ökumenische Würdigung
Steinacker würdigte Bonifatius als eine "herausragende Persönlichkeit der europäischen Geschichte". Gerade der mitteleuropäische Raum habe ihm viel bis heute zu verdanken. "In dieser Einsicht sind katholische und evangelische Tradition miteinander verbunden. Und wir sind froh, Bonifatius heute im Geist der Ökumene auch gemeinsam würdigen zu können", so Steinacker wörtlich.
Konfessionelle Unterschiede
Eine evangelische Würdigung des Reformers und Missionars Bonifatius gewichte einige Akzente allerdings anders als die katholische Kirche, stellte Steinacker fest. Die katholische Tradition glorifiziere Bonifatius als besonderen Heiligen, Apostel und Märtyrer. In einer Deutung als dem "Apostel der Deutschen" schwinge noch die konfessionelle Polemik des 19. Jahrhunderts mit, in der Bonifatius als Gegenfigur zu Luther aufgebaut worden sei. Die evangelische Tradition benenne dagegen zwar auch Vorbilder. Sie sehe den Begriff Heiliger aber eher als Anspruch des Glaubens an alle Menschen, wie es das gemeinsame Glaubensbekenntnis mit dem Satz "Ich glaube an die heilige Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen" formuliere. Der Begriff Apostel bleibe nach evangelischer Sicht biblischen Personen vorbehalten. Märtyrer seien streng genommen nur Menschen, die ihr Leben als Glaubenszeugen verlieren. Bonifatius sei aber wohl eher von einer Räuberbande erschlagen worden, so Steinacker.

Gut evangelisch
Bonifatius habe theologische Positionen des Protestantismus vorgelebt, betonte Steinacker. Vieles, was Martin Luther 750 Jahre später mit der Reformation verfolgt habe, finde sich schon bei Bonifatius. So habe dieser auf allen Reisen eine Reisebibliothek mit einer 20 bändigen Bibel dabei gehabt, in der er ständig intensiv gelesen habe. Das sei auch für Geistliche damals nicht selbstverständlich gewesen. Die Bibel sei seine Richtschnur gewesen, die er bei Gottesdiensten für einfache Leute auch in die jeweilige Volkssprache übersetzen konnte. Wie Luther habe Bonifatius scharfe Kritik an ungeistlichen Fürstbischöfen und an Amtsmissbrauch geübt. Steinacker zeigte eine weitere Parallele zu Luther auf: "Beide waren Mönche, die aufgrund ihrer überragenden allgemeinen Bildung eine gute Laufbahn als theologische Professoren hätten einschlagen können. Statt dessen zogen sie aus, um die Welt zu verändern".

Großer Mann, manchmal ganz klein
Wie alle Menschen, so sei auch Bonifatius ein Mensch mit inneren Widersprüchen gewesen. Seine unbedingte Treue zum Papsttum habe ihn auch ängstlich gemacht. Manche seiner fast schon kleinlichen Nachfragen zu bestimmten liturgischen Gepflogenheiten - etwa wie oft in der Messfeier das Kreuz zu schlagen sei - überraschten bei einem "Mann dieser Tatkraft und dieses politischen Gewichts". Hier zeige sich, so Steinacker wörtlich: "dass auch Menschen seines historischen Formats ihre inneren Widersprüche, Menschlichkeiten und Grenzen haben". Dazu gehöre auch, dass Bonifatius ein zentrales Ziel seines Lebens, die Christianisierung der Sachsen, denen er sich als Angelsachse besonders verbunden fühlte, nicht beginnen konnte. Zudem habe sich Bonifatius, obwohl er der ranghöchste Kirchenmann im Frankenreich gewesen sei, angesichts der politischen Ränkespiele oft ohnmächtig gefühlt. Steinacker zitierte dazu aus einem Brief an Erzbischof Cuthbert von Canterbury aus dem Jahr 747, in dem Bonifatius angesichts mancher Missstände in Staat und Kirche schreibt, er fühle sich manchmal wie ein Hund, "der bellt und sieht, wie Diebe und Räuber das Haus des Herrn aufbrechen und untergraben und verwüsten, aber weil er keine Helfer zur Verteidigung hat, nur knurrend wimmert und jammert."
Zur Person
Bonifatius wird um 673 bei Exeter in England geboren. Schon als Junge tritt er in ein benediktinisches Kloster ein, wo er intensiv studiert und zum berühmten Gelehrten wird. In seiner Lebensmitte zieht es Bonifatius aus den Klostermauern heraus in die Ferne, wo er Gottes Wort verkündigen will. 716 trifft Bonifatius in Friesland ein, um dort auf eigene Faust zu missionieren. Doch sein Unternehmen scheitert am Misstrauen der Friesen. Er kehrt zunächst nach England zurück. In Absprache mit dem Papst und den Herrschern des Frankenreiches kommt er 718 mit entsprechenden Auftrags- und Schutzschreiben auf das Festland zurück und reist predigend, missionierend und taufend durch Mitteleuropa. Dabei findet er an vielen Stellen bereits christliche Vorstellungen verschiedener Prägung vor, die römische Soldaten, Händler und andere Reisende mitgebracht hatten, und die zum Teil mit und neben germanischen naturreligiösen Vorstellungen existieren. Hier ist weniger Mission als Reform gefragt. Bonifatius genießt das Vertrauen des Papstes und wird zunächst als Erzbischof und dann als päpstlicher Legat mit der Organisation der Kirche in Nordeuropa beauftragt. 742 ordnet Bonifatius auf dem Concilium Germanicum die Kirche im Bereich des damaligen Frankenreiches neu und teilt sie in Bistümer auf, deren Grenzen teilweise bis heute gelten. Außerdem werden Regeln für das kirchliche Leben aufgestellt. 746 wird ihm statt des von ihm angestrebten Erzbistums Köln das Bistum Mainz übertragen, ein Beleg dafür, dass die Päpste ihrem unermüdlichen Organisator in Nordeuropa nicht nur Zustimmung entgegen bringen. 751 wird der bisherige fränkische Hausmeier Pippin von fränkischen Bischöfen nach einem Staatstreich - der vom Papst in Rom unter Umgehung von Bonifatius gebilligt worden war - zum König gesalbt. Vom Amt her wäre das Aufgabe des Bonifatius als ranghöchstem Geistlichen gewesen, der dieser Zeremonie aber fernbleibt. Statt dessen nimmt er seinen alten Plan der Friesenmission wieder auf und reist dorthin. Bei Dokkum werden er und seine Begleiter im Morgengrauen des 5. Juni 754 von einer Räuberbande erschlagen.