Startseite | Impressum

Das Wunder von Barmen

Das Wunder von Barmen

Das Wunder von Barmen

(www.ekhn.de) EKHN erinnert an die Barmer Theologische Erklärung, die vor 70 Jahren den Kirchenkampf gegen das NS-Regime einläutete

Darmstadt, 31. Mai 2004. Anlässlich ihres 70. Jahrestags hat der Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), Dr. Peter Steinacker, an die Barmer Theologische Erklärung (BTE) erinnert. Sie war am 31. Mai 1934 in Barmen, heute ein Stadtteil von Wuppertal, verabschiedet worden und löste den Kirchenkampf zwischen den nationalsozialistisch orientierten „Deutschen Christen“ und der oppositionellen Bekennenden Kirche aus.


Meilensteine der Bekennenden Kirche in Hessen
Hessen habe für die Bekennende Kirche eine besondere Bedeutung gespielt, denn hier seien der erste und der letzte Text dieser NS-kritischen Kirchenbewegung entstanden. Steinacker erinnerte damit an das Darmstädter Wort von 1947, in dem die Bekennende Kirche zwei Jahre nach Kriegsende ihre Defizite im Kampf gegen das NS-Unrecht bekannte.
Der Text der Barmer Theologischen Erklärung (BTE) sei wenige Tage vor seiner Verabschiedung in Frankfurt am Main vorbereitet worden. Maßgeblich beteiligt waren dabei der reformierte Theologe Karl Barth, der aus der Schweiz stammte und in Bonn Theologieprofessor war, sowie der lutherische Pfarrer Hans Asmussen aus Altona. Die beiden vereinten zum ersten Mal seit 400 Jahren reformierte und lutherische Kirchen zu einer gemeinsamen theologischen Erklärung. Dies, so Steinacker, sei im „Prinzip als Wunder von Barmen“ anzusehen“ angesichts der Tatsache, dass beide Kirchen erst fast 40 Jahre später, also 1973, die Abendmahlsgemeinschaft vereinbarten. Zuvor hätten die theologischen Differenzen als zu gravierend gegolten.
Konkrete Kampfansage und zeitlose Wahrheit zugleich
Die Synode in Barmen habe schon ganz am Anfang der NS-Regierung, 1934, erkannt, welche menschverachtende und grausame Ideologie und welche theologischen und politischen Folgen eine ungezügelte Natürliche Theologie haben würde. Mit dieser visionären Perspektive sei sie ihrer Verantwortung vor Gott und den Menschen gerecht geworden und habe konfessionelle Gräben übersprungen. Steinacker wörtlich: „In dieser besonderen Situation sind ihr geniale bekennende Worte geschenkt worden, die zum Einen eine konkrete und klare Absage an den totalen Staat aussprachen und auf der andern Seite Wahrheiten des Glaubens enthalten, die zu allen Zeiten gelten werden.“ Steinacker räumte ein, dass die Bekenntnissynode in Barmen zwar die theologische Opposition formiert habe, aber nur wenige evangelische Christen in der Folge auch den politischen Widerstand getragen hätten. Einer von ihnen sei Pastor Martin Niemöller gewesen, der nach Kriegsende der erste Kirchenpräsident der EKHN wurde und die Tradition der Bekennenden Kirche fest in der EKHN verankern wollte. Sie sei eine von zehn evangelischen Kirchen in Deutschland, die die BTE neben den klassischen Lehrbekenntnissen, wie etwa dem Augsburger Bekenntnis von 1530, „eine hohe Bedeutung für die Lehre und den Dienst der Kirche einräumten“.
Totaler Markt?
Die BTE habe die richtigen Worte zu richtigen Zeit gefunden, formulierte Steinacker. Damit sei sie bis heute und weltweit die Meßlatte für eine klare theologische Sprache und ein mutiges Verhalten der Kirche in ihrer jeweiligen Zeit. Steinacker sagte: „Die Barmer Theologische Erklärung mahnt bis heute zur Wachsamkeit gegenüber unkirchlichen Einflüssen und vor überzogenen Machtansprüchen auf den Glauben und die Kirche. Heute sei zwar nicht mehr der totale Staat die Bedrohung. Es drohe eher der „totale Markt, die totale Verfügbarkeit und globale Zerstörung der Lebensgrundlagen“.
Hintergrund: Die Barmer Theologische Erklärung
Die Erklärung wurde am 31. Mai 1934 verabschiedet und ist damit jetzt 70 Jahre alt. Sie gilt als das zentrale Dokument des Kirchenkampfes gegen die NS-Herrschaft. In sechs Thesen und Verwerfungen unterscheidet die Erklärung klar zwischen der Offenbarung Gottes in der Bibel und anderen angeblichen Äußerungsformen in der Natur oder der Geschichte. Die Bibel wird als die einzig legitime Offenbarung bezeugt gegenüber natürlichen oder historischen Phänomenen, die lediglich von Menschen als göttliche Offenbarung interpretiert werden. Was abstrakt theologisch wirkt, hatte enorme politische Folgen: die Ablehnung der Bewegung der „Deutschen Christen“, die im Nationalsozialismus den Willen Gottes erkennen wollte. Die fünfte These wendet sich explizit gegen „den totalen Staat“.
Die BTE lieferte vielen Pfarrern, die sich von alters her zur Loyalität gegenüber dem Staat verpflichtet fühlten, das entscheidende Argument zum inneren Widerstand. In der Folge entstanden zunächst die Brüderräte und später die Bekennende Kirche, in der sich ganze Gemeinden gegen die Gleichschaltung der Evangelischen Kirche im NS-Staat wandten. Allerdings gingen nur wenige Christen soweit, den aktiven Widerstand gegen den Nationalsozialismus mit all seinen Unmenschlichkeiten konsequent mitzutragen.

Verantwortlich: gez. Pfarrer Stephan Krebs, Pressesprecher

Der Wortlaut der Erklärung (steht in jedem Gesangbuch bei den Bekenntnissen)
:
Die theologische Erklärung der Bekenntnissynode von Barmen

vom 29. bis 31. Mai 1934
THESEN
Jesus Christus spricht: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich. (Joh. 14, 6)
Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer nicht zur Tür hineingeht in den Schafstall, sondern steigt anderswo hinein, der ist ein Dieb und Räuber. Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich hineingeht, wird er selig werden. (Joh 10,1.9)

Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.

Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.
Durch Gott seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott gemacht ist zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung. (1. Kor 1,30)

Wie Jesus Christus Gottes Zuspruch der Vergebung aller unserer Sünden ist, so und mit gleichem Ernst ist er auch Gottes kräftiger Anspruch auf unser ganzes Leben; durch ihn widerfährt uns frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt zu freiem, dankbarem Dienst an seinen Geschöpfen

Wir verwerfen die falsche Lehre, als gebe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären, Bereiche, in denen wir nicht der Rechtfertigung und Heiligung durch ihn bedürften.
Laßt uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus, von dem aus der ganze Leib zusammengefügt ist. (Eph 4, l5. 16)

Die christliche Kirche ist die Gemeinde von Brüdern, in der Jesus Christus in Wort und Sakrament durch den Heiligen Geist als der Herr gegenwärtig handelt. Sie hat mit ihrem Glauben wie mit ihrem Gehorsam, mit ihrer Botschaft wie mit ihrer Ordnung mitten in der Welt der Sünde als die Kirche der begnadigten Sünder zu bezeugen, daß sie allein sein Eigentum ist, allein von seinem Trost und von seiner Weisung in Erwartung seiner Erscheinung lebt und leben möchte.

Wir verwerfen die falsche Lehre, als dürfe die Kirche die Gestalt ihrer Botschaft und ihrer Ordnung ihrem Belieben oder dem Wechsel der jeweils herrschenden weltanschaulichen und politischen Überzeugungen überlassen. Jesus Christus spricht: Ihr wißt, daß die Herrscher ihre Völker niederhalten und die Mächtigen ihnen Gewalt antun. So soll es nicht sein unter euch; sondern wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener. (Mt 20, 25.26)

Die verschiedenen Ämter in der Kirche begründen keine Herrschaft der einen über die anderen, sondern die Ausübung des der ganzen Gemeinde anvertrauten und befohlenen Dienstes.

Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und dürfe sich die Kirche abseits von diesem Dienst besondere, mit Herrschaftsbefugnissen ausgestattete Führer geben und geben lassen.
Fürchtet Gott, ehrt den König. (1. Petr 2,17)

Die Schrift sagt uns, daß der Staat nach göttlicher Anordnung die Aufgabe hat in der noch nicht erlösten Welt, in der auch die Kirche steht, nach dem Maß menschlicher Einsicht und menschlichen Vermögens unter Androhung und Ausübung von Gewalt für Recht und Frieden zu sorgen. Die Kirche erkennt in Dank und Ehrfurcht gegen Gott die Wohltat dieser seiner Anordnung an. Sie erinnert an Gottes Reich, an Gottes Gebot und Gerechtigkeit und damit an die Verantwortung der Regierenden und Regierten. Sie vertraut und gehorcht der Kraft des Wortes, durch das Gott alle Dinge trägt.

Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne der Staat über seinen besonderen Auftrag hinaus die einzige und totale Ordnung menschlichen Lebens werden und also auch die Bestimmung der Kirche erfüllen. Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne sich die Kirche über ihren besonderen Auftrag hinaus staatliche Art, staatliche Aufgaben und staatliche Würde aneignen und damit selbst zu einem Organ des Staates werden.
Jesus Christus spricht: Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. (Mt 28,20)
Gottes Wort ist nicht gebunden. (2. Tim 2,9)


Der Auftrag der Kirche, in welchem ihre Freiheit gründet, besteht darin, an Christi Statt und also im Dienst seines eigenen Wortes und Werkes durch Predigt und Sakrament die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk.

Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne die Kirche in menschlicher Selbstherrlichkeit das Wort und Werk des Herrn in den Dienst irgendwelcher eigenmächtig gewählter Wünsche, Zwecke und Pläne stellen.