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Die Losungen

Die Losungen

Reichsgraf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf (1700-1760) Bild: www.herrnhuter-missionshilfe.de

Ein Bibelwort für jeden Tag: Die Losungen

(www.jesus-online.de)
Millionen von Christen lesen auch im Jahr 2005 einen Bibelvers für jeden Tag aus dem kleinen Andachtsbuch mit dem blauen Einband. Die Rede ist von den "Losungen" der Herrnhuter Brüdergemeine. 2005 erscheinen sie in der 275. Ausgabe in einer Gesamtauflage von rund 1,3 Millionen Exemplaren und in über 50 Sprachen rund um den Globus.


Die Geschichte der Losungen geht zurück auf den pietistisch geprägten Reichsgrafen Nikolaus Ludwig von Zinzendorf (1700-1760). Am 3. Mai 1728 gab der adlige Gutsherr bei einer Abendsingstunde in der Siedlung Herrnhut in der Oberlausitz (heute Sachsen) einen Liedvers als Leitwort für den nächsten Tag aus: "Liebe hat dich hergetrieben, Liebe riss dich von dem Thron; und wir sollten dich nicht lieben, Gottes und Marien Sohn?"

So lautete die erste Losung, der von Zinzendorf selbst verfasste Liedvers. Tag für Tag gab Zinzendorf von da an seinen Schutzbefohlenen eine Parole auf den Weg. "Nun haben die Menschen ein Sprüchlein, über das sie nachdenken und miteinander reden. Dem einen gereichen sie zum Trost, dem anderen werden sie zum Leitspruch", heißt es in einer Veröffentlichung der Brüdergemeine.

Vorbild für die Losungen war das Militär mit seiner für jeden Tag ausgegebenen Parole. Davon ließ sich Reichsgraf von Zinzendorf inspirieren. Die zunächst von ihm persönlich ausgewählten Lied- oder Bibelverse sollten den Einzelnen persönlich treffen und ihm zu Herzen gehen. Deshalb wurden sie in den 32 Häusern Herrnhuts, in denen Glaubensflüchtlinge aus Böhmen Zuflucht gefunden hatten, weitergesagt und besprochen.

Aus diesem bescheidenen Anfang ist das meist gelesene Andachtsbuch der Welt entstanden. Zunächst wurde die Tagesparole nur von Mund zu Mund weiter gesagt. Doch schon 1731 erschien die erste Textausgabe. Sie diente bald nicht mehr nur zum persönlichen Gebrauch, sondern als Vorlage für Hausandachten und Predigten, bei Taufen, Trauungen und Beerdigungen. Selbst der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck (1815-1898) hat die Losungen täglich zur Hand genommen. Auch von den deutschen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker und Johannes Rau ist bekannt, dass sie Losungsleser waren und sind.

Schnelle Verbreitung fanden die biblischen Tagesparolen vor allem durch die Herrnhuter Missionare, denen Zinzendorf mit dem kleinen Buch sozusagen eine geistliche Tagesration auf ihrem Weg in ferne Länder mitgab. 1741 erschien die erste Übersetzung in Französisch. In Finnland feiert man 2005 das 100-jährige Erscheinen der Losungen. Erstmals gibt es die Losungen in Albanisch.

Zu dem Bibeltext oder Liedvers gab es bald einen zweiten Text hinzu. 1812 wurde festgelegt, dass die Tageslosung (der erste Vers) einer Auswahl von alttestamentlichen Bibelversen, der so genannte Lehrtext (der zweite Vers) aber immer dem Neuen Testament entnommen werden. Seit 1864 ist ein Bibelleseplan mit abgedruckt, der in vier Jahren durch das Neue und in sieben Jahren durch das Alte Testament führt.

Jedes Jahr Ende April/Anfang Mai werden von einer Kommission im so genannten Vogtshof in Herrnhut noch immer die Losungen nach einem festen Ritual bestimmt. Für das Losen entschied sich eine General-Synode im Jahr 1764 kurz nach Zinzendorfs Tod. "Es ist ein allgemeiner Wunsch, dass sie ausgeloset und also aus der Hand des Heilands angenommen werden", heißt es in alten Aufzeichnungen. Hinterher werde man dann sehen, wie genau sie auf die jeweiligen Gegebenheiten gepasst hätten. Diese Treffsicherheit ist in der Tat schon mehrfach aufgefallen.

Am Tag der Währungsunion in Deutschland, am 2. Juli 1990, hieß das Losungswort:
"Der Herr macht arm und macht reich" (1.Samuel 2,7) und der Lehrtext aus Lukas 12,48:
"Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen, und wem viel anvertraut ist, von dem wird man um so mehr fordern."
Erstaunlich, wo doch die Losung drei Jahre zuvor festgelegt wurde, also noch zu einer Zeit, als die friedliche Vereinigung Deutschlands nicht absehbar war.

In einer Silberschale im Vogtshof sind rund 1800 nummerierte Kärtchen eingefüllt. Vier Personen befinden sich beim Ziehen der Losungen im Sitzungssaal. Zwei ziehen die Losungen für jeweils vier Monate. Während einer die Zahl verkündet, verliest die zweite Person den dazu gehörigen Text. Damit bei den vielen Versen keine Fehler unterlaufen, führen zwei weitere Protokoll.

Da die Losungen die Heilige Schrift in ihrer Gesamtheit berücksichtigen sollen, werden die aktuell gezogenen Sprüche für die nächsten beiden Ziehungen aus der Losungsschale herausgenommen. Sie kommen erst im dritten Jahr wieder zum Einsatz. Die gezogene Losung ist gültig - kein Spruch wird ausgetauscht.

In einem weiteren Schritt wird dem alttestamentlichen Bibelwort ein neutestamentlicher Lehrtext und der so genannte Dritttext zugeordnet. Das können Liedverse, Zitate oder Gebete sein. Beeindruckend ist der Schrank im Vogtshof, in dem seit 1731 fein säuberlich die Druckausgaben gesammelt werden.

Ob sie nun "Losungen" oder auf türkisch "günlük" ("Täglich") oder auf italienisch "un giorno, una paola" ("Ein Tag, ein Wort") betitelt sind; die Losungen der Herrnhuter Brüdergemeine haben unzähligen Menschen in schweren Stunden Zuversicht und Ermahnung Gottes vermittelt. Als "Wegzeichen durchs Leben" hat sie der frühere württembergische Landesbischof Theo Sorg einmal beschrieben.

Lothar Rühl

Erschienen am: 17.12.2004