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Dietrich Bonhoeffer vor 60 Jahren hingeric

Dietrich Bonhoeffer vor 60 Jahren hingerichtet

"Dem Rad in die Speichen fallen"
Vor 60 Jahren wurde Dietrich Bonhoeffer hingerichtet

(www.ekd.de)
Am frühen Morgen des 9. April 1945 ist der Gefängnishof des Konzentrationslagers Flossenbürg bei Regensburg schon hell erleuchtet. Sieben Nazi-Gegner werden aus ihren Zellen geführt. Unter ihnen ist auch ein Pastor: Dietrich Bonhoeffer. Die Gefangenen hören, was ein NS-Standgericht beschlossen hat: Todesurteil wegen Hochverrats. Bonhoeffer kann noch kurz beten. Dann muss er die Treppe zum Galgen besteigen. «Ich habe kaum je einen Mann so gottergeben sterben sehen», notiert der Lagerarzt später.

Schon früh warnt er vor den Gefahren des Nazi-Regimes. In einer Berliner Rundfunk-Rede spricht er bereits zwei Tage nach der Machtübernahme 1933 davon, dass der «Führer» zum «Verführer» werden könne. Im April 1933 erwägt er unter dem Eindruck der Judenverfolgung die Möglichkeit, «nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen». Doch nur wenige Kirchenleute folgen dem jungen und kompromisslosen Nazi-Gegner in dieser Einschätzung.

Bonhoeffer wurde nur 39 Jahre alt. Und doch hat kaum ein evangelischer Theologe des 20. Jahrhunderts so tief in Kirche und Gesellschaft hinein gewirkt wie er. Straßen und Schulen, Kirchen und Gemeindehäuser tragen heute seinen Namen. Ein Kino-Film erzählt seine Geschichte. Sein leidenschaftlicher Protest gegen die Nationalsozialisten, seine aktive Rolle im Widerstand gegen Hitler, seine Bücher und sein Märtyrertod vor 60 Jahren finden weit über die deutschen Grenzen hinaus Beachtung.

Heute ist Bonhoeffer über alle kirchlichen Lager hinweg eine Integrationsfigur. Der Ratsvorsitzende der EKD, Bischof Wolfgang Huber, hat oft darüber nachgedacht, was wohl aus Bonhoeffer geworden wäre, wenn er den Krieg überlebt hätte - vielleicht Bischof, Professor oder Politiker. Sicher sei eines, sagt Huber: «Er hätte weitergedacht.»

Von Guten Mächten...
(www.jesus-online.de)
"Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen - und ganz gewiss an jedem neuen Tag."
Als Dietrich Bonhoeffer sein wohl bekanntestes Gedicht schrieb, saß er in einer verdreckten, kalten feuchten Gefängniszelle, durch deren Fenster mehr Kälte als Licht hereinkam. Und er wusste, auf ihn wartet in diesem Leben nur noch einer: der Henker.

Vornehme Herkunft

Bis dahin war dieses Leben planmäßig verlaufen. Bonhoeffer stammte aus den "besseren Kreisen", aus dem protestantischen Groß- und Bildungsbürgertum. Die Karriere des am 4. Februar 1906 in Breslau geborenen Professorensohns schien vorgezeichnet. Ganz gleich, ob er sich der Juristerei oder der Medizin gewidmet hätte, unweigerlich hätte seine Laufbahn auf einem universitären Lehrstuhl oder in einem Staatssekretariat geendet. Und selbst als er 1923 ein Theologiestudium begann, war der Familie klar, dass Dietrich nicht als Gemeindepfarrer, sondern als Professor oder Generalsuperintendent in den Ruhestand treten würde.

Aussitzen oder engagieren?

Seine Persönlichkeit, die Geschichte - und der Wille Gottes, der sich in der Geschichte niederschlägt - durchkreuzten diese ehrbare Gelehrtenkarriere. Sein Vikariat leistet Bonhoeffer in der deutschen Gemeinde in Barcelona, dann geht es zurück an die Universität. Bereits 1930, mit nur 24 Jahren, habilitiert Bonhoeffer, ein Jahr später ist er Privatdozent. Im Jahr der Machtergreifung 1933 verlässt Bonhoeffer Deutschland. Er wird Pfarrer der deutschen evangelischen Gemeinde in London. Dort - oder auf einem angebotenen Lehrstuhl in die USA - hätte er den bevorstehenden Krieg gefahrlos "aussitzen" können. Aber er hat inzwischen erkannt, dass sich in Deutschland ein Unrechtsregime etabliert hat. Und dass die Kirche Widerstand leisten muss - eine Pflicht, der er sich nicht entziehen darf.

Engagement in der "Bekennenden Kirche"

Er wird einer der führenden Köpfe der bekennenden Kirche. Als ein Predigersemiar dieser Kirche, das Bonhoeffer leitet, 1938 geschlossen wird, ist er bereit, nicht nur mit der Macht des Wortes gegen die NS-Diktatur zu kämpfen. Er knüpft Kontakte zum militärischen Widerstand gegen Hitler. Nach reiflicher theologischer Reflexion hält er aus Sicht der christlichen Ethik Gewaltanwendung gegen einen Tyrannen für erlaubt.

Tödliche Konsequenzen


Flossenbürg: Im KZ stirbt Bonhoeffer kurz vor Kriegsende durch die Hand der Nazis.
In der Widerstandsbewegung wird er aufgrund seiner zahlreichen Kontakte zu Vertretern der anglikanischen Kirche zum Übermittler von Verhandlungs- und Friedensangeboten an die englische Regierung. Doch schon im April 1943, ein gutes Jahr vor dem Attentat auf Hitler, erfährt die Gestapo von seinen Aktivitäten und verhaftet ihn. Ohne juristisches Verfahren bleibt Bonhoeffer in Haft, noch im Februar 1945 veranlasst Hitler persönlich seine Verlegung in ein Konzentrationslager.

Nichts fürchtet der Diktator inzwischen mehr als den Widerstand, dessen geistiges und geistliches Fundament der christliche Glaube ist. Den Triumph des Überlebens will der Diktator denen nicht gönnen, die ihm die Stirn geboten haben. Bevor er selber sich durch Selbstmord der Verantwortung für 50 Millionen Kriegstote entzieht, lässt er die noch lebenden Widerstandskämpfer vor 60 Jahren am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg umbringen.

Michael Klein

Erschienen am: 11.04.2005