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Interview mit Uwe Lehr aus Haigerseelbach

Interview mir Uwe Lehr

Alles Ulla, oder was??
(aus unserem Gemeindebrief)
Wenn einer zu den sprichwörtlichen bunten Hunden gehört, dann ist es Uwe Lehr, genannt Ulla. Es gibt kaum jemanden im Dorf (und auch darüber hinaus), der ihn nicht kennt. Ein echt krasser Typ, über den die Meinungen aus-einander gehen. Prima Kumpel, irrer Typ, Schwätzer und was sonst noch alles, sind Bezeichnungen, die auf Ulla angewendet werden.

Umso ungewöhnlicher, dass er nun zum Thema im Gemeindeblatt wird. Warum das?

Rückblende: 21. Juli 2001. Uwe Lehr fährt auf der Autobahn A 4. Plötzlich schießt ein Geisterfahrer entgegen, der mit drei vorausfahrenden Fahrzeugen kollidiert, wodurch dessen Auto auseinander reißt. Das Heck prallt mit voller Wucht auf die A-Säule von Uwes Wagen. Sperrung der Autobahn. Die Rettungssanitäter sind über die schlimmen Verletzungen unschlüssig. Der Eine sieht für Ulla keine Chance mehr, der andere plädiert doch noch für den Rettungshubschrauber. Noch auf der Autobahn wird Ulla einmal reanimiert, dann noch einmal beim Transport nach Erfurt im Hubschrauber. Die Situation ist hochdramatisch.
Ulla liegt im Koma, der Schädel ist mehrfach gebrochen, Hirnflüssigkeit ausgetreten. Die Ärzte führen zwei komplizierte OP´s durch, deren Ausgang ungewiss ist. Sollte er überleben, könnte Uwe nicht nur körperlich, sondern auch geistig schwer behindert sein und sogar im Koma bleiben. Die dritte OP ist deshalb die schwierigste. Nach zwei Wochen besteht keine unmittelbare Lebensgefahr mehr, doch die Unsicherheit bleibt. Nach fünf Wochen dann das Erwachen aus dem Koma. Orientie-rungslosigkeit herrscht vor, doch Uwe ist ansprechbar. Jedoch sind die Gedächtnisleistungen stark eingeschränkt.
Uwe wird zur ersten Reha-Maßnahme nach Bad Berleburg verlegt. Er muss erst wieder Gehen und sein Gehirn trainieren lernen. Alltägliche Handlungen fallen unendlich schwer. Wochen später ist er endlich wieder zu Hause in Haigerseelbach. Er kann wieder Gehen und Sprechen, ist aber insgesamt noch sehr eingeschränkt und bis auf weiteres nicht wieder belastbar. Nun geht der alltägliche Kampf richtig los. Wann kann er wieder arbeiten? Wie heißt das Gesicht von dem Menschen, der ihn so freundlich begrüßt?

Gegenwart: das Interview.

Ulla, was ist deine Motivation für dieses Interview?
Uwe:
Ich will damit allen Leuten im Dorf zuerst einmal ein riesiges Dankeschön sagen. So viele Leute sind für mich da gewesen, haben mir geholfen, haben an mich gedacht und mich aufgemuntert. Das ist echt toll. Meine Familie war immer da, aber auch jede Menge anderer Leute. Es wurde für mich gebetet und sich immer wieder erkundigt, wie es mir geht. Dafür also ein riesiges Dankeschön. Als ganz besondere Hilfen will ich Jutta und Peter (Sauer) nennen, den Toby (Roepke) und den Sven „Kasper“ (Lommerzheim). Müsste ich alle nennen, bräuchte ich ´ne Tageszeitung und eine Party in Größe vom Backesfest.

Was beschäftigt dich außer dem Dankeschön noch?
Uwe:
Irgendwie will ich noch mehr von meinen Erfahrungen loswerden. Aber nicht, dass jemand denkt, ich wär´ jetzt der große Moralapostel oder so was! Denn das bin ich auf keinen Fall. Ich hab´ vor dem Unfall jede Menge Macken gehabt und hab´ die jetzt auch noch. Nee, nee, mir geht es eben darum, etwas davon zu erzählen, was ich erlebt habe.

Gut, was willst du zuerst ansprechen?
Uwe:
Vielleicht, wie mich der Unfall zuerst verändert hat.

Dass man durch einen schweren Unfall Vieles anders sehen kann, ist ja bekannt. Was hat sich bei dir verändert?
Uwe:
Auf alle Fälle meine Einstellung zum Leben. Ich bin längst nicht mehr so materiell ausgerichtet. Weißt du, früher hab´ ich dicken Schotter verdient und auch gut ausgegeben. ´Nen Benz gekauft, Motorrad gefahren mit guter Lederkombi und immer hoch die Tassen. Ich hab´ nur das gehabt. Das isses aber nicht allein!
Net, dass ich jetzt lebensfeindlich wär´, aber ich hab´ eine andere Sicht. Geld ist gut. Und man sollte das Leben auch genießen. Ich wär´ aber der dickste Heuchler, wenn ich das anders sagen würde. Natürlich gehe ich gerne in die Kneipe zum Würfeln und trinke dabei ein Alt-Schuss, aber das ist nach dem Unfall anders.

Wie anders?
Uwe:
Nun, jeder weiß ja, dass der Ulla ein schwerer Mann war. Wenn ich freitags aus der Kneipe bin oder morgens von irgend einem Festchen (z.B. Wettspritzen) weg bin, da war ich stramm wie ´n Russe. Heute hab´ ich gar keinen Bock mehr darauf.

Warum ist das so?
Uwe:
Bei mir hat sich innerlich ´was verändert. Und das hat mit Gott zu tun. Manche Leute ham gesagt, dass ich dem Teufel noch mal von der Schippe gesprungen wär´. Aber das ist Quatsch. Dem springt niemand von der Schippe. Da kann ich gar nix zu, sondern einzig und alleine Gott.

Jetzt kommt der Glaube ins Spiel. Wird der Ulla auf einmal fromm?
Uwe:
Was heißt hier fromm? Dass es Gott gibt hab´ ich schon immer gewusst. Ich hab´ nur nichts weiter von ihm wissen wollen. Der Unfall hat mich aber noch mal zum Nachdenken gebracht. Als ich wieder zu Hause war, bin ich erstmal pflichtgemäß in den Gottesdienst gegangen. Ich hatte aber immer noch einen innerlichen Abstand zu Gott.

Und das ist dann anders geworden?
Uwe:
Ja, und zwar in kleinen Schritten. Vieles Geistliche, was also mit dem Glauben und so zu tun hat, war mir ja schon bekannt. Ich hatte aber gar keinen richtigen Bezug dazu und hab´ höchstens die Hälfte davon verstanden. Es gibt da ja auch viel frommen Quatsch, der mit Gott gar nix zu tun hat. Mit der Zeit aber ist mir besonders die christliche Hilfe wichtiger geworden. Durch die Familie und durch Leute aus der Gemeinde (und damit meine ich nicht nur welche aus der Kirche) bin ich einfach näher zu Gott gekommen.

Wie kann man sich das vorstellen?
Uwe:
Ei, das hat ´was mit Erfahrungen zu tun. Ich war ja schon schwer dankbar, dass ich überhaupt noch lebe. Trotzdem war ich ziemlich unten. Die Fortschritte gingen mir viel zu langsam. Ich wollte ´was arbeiten und das ging nicht. Namen konnte ich mir nicht merken und andere Dinge auch nicht. Das geht auch jetzt nicht so gut.
Insgesamt war ich dadurch richtig depressiv. Und das ging, sag´ ich ganz ehrlich, bis hin zu Selbstmordgedanken. Wozu dann der ganze Quatsch, wenn nix richtig besser wird? hab´ ich so gedacht.

Wie ging´s weiter?
Uwe:
In sehr persönlichen Gesprächen hat sich bei mir im Herz der Glauben verändert. Da war der Michael Böckner, der der mir den notwendigen Kick gegeben hat. Weißt du, da gilt nur Sekt oder Selters in der Beziehung zu Gott. Da muss man sich entscheiden, auch wenn net gleich alles perfekt ist. Und das hab´ ich erfahren. Mir geht es seit März 04 wirklich besser. Und zwar psychisch wie physisch. Das hab´ ich körperlich schon beim Motorradfahren erlebt, was letztes Jahr gar nicht klappte und psychisch bin ich viel stabiler geworden. Und dabei hilft der Glaube ganz eindeutig. Hör´ mir doch früher auf mit Bibellesen oder Beten! Aber dass sich durch Gottes Kraft ´was verändert, das ist real. Und das hab´ ich erlebt.

Noch etwas zu Abschluss?
Uwe:
Ja, wie gesagt, noch einmal ein dickes Dankeschön an alle aus dem Dorf, die mir geholfen haben. Und vielleicht könnte man ja mal einfach so einen Gottesdienst besuchen, ohne ein Muss dahinter zu sehen.

Danke für deine Offenheit und deinen Mut.

Das Interview führte Michael Kämpfer