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"Mach ich mich nicht mitschuldig?"

"Mach ich mich nicht mitschuldig?"

Vor 65 Jahren wurde Helmuth James Graf von Moltke hingerichtet - "Evangelischer Märtyrer"
(www.ekd.de)

15. Januar 2010
Helmuth von Moltke vor dem Volksgerichsthof

Ein Vierteljahr vor Kriegsende, am 23. Januar 1945, wurde er als einer der führenden Köpfe des deutschen Widerstands gegen Hitler in Berlin-Plötzensee gehenkt: Helmuth James Graf von Moltke. Der 37-jährige Schlesier hatte Kontakt zu deutschen und ausländischen Oppositionsgruppen gehalten und Denkschriften über eine politische Neuordnung nach dem erwarteten Kriegsende verfasst. Seit 1943 beteiligte er sich auch an den Planungen für einen Staatsstreich. Der Volksgerichtshof stützte sein Todesurteil vor 65 Jahren jedoch vor allem auf Moltkes christliche Überzeugung.

Moltke, geboren am 11. März 1907, stammte aus altem mecklenburgischem Adel. Der Urgroßneffe des preußischen Generalfeldmarschalls Helmuth von Moltke hatte Jura studiert und ließ sich als Anwalt in Berlin nieder. Als Rechtsvertreter ausgewanderter Juden legte er sich schon früh mit den Nazis an, deren menschenverachtende Ideologie, Kulturlosigkeit und Rechtsverständnis er nicht ausstehen konnte. 1931 heiratete Moltke die Kölnerin Freya Deichmann, die am 1. Januar 2010 im Alter von 98 Jahren in den USA starb.

Helmuth James Graf von Moltke hoffte zunächst darauf, dass das Nazi-Reich an seinen inneren Widersprüchen und seinem Größenwahn scheitern würde. Spätestens nach dem antisemitischen Terror der Pogromnacht 1938 entschloss er sich aber zum bewussten Widerstand.

"Mach ich mich nicht mitschuldig?" fragte er in einem Brief, nachdem Hitler den Krieg begonnen hatte. "Was sage ich, wenn man mich fragt: und was hast Du während dieser Zeit getan? (...) Wie kann jemand so etwas wissen und dennoch frei herumlaufen? Mit welchem Recht?"

Trotz seiner offen gezeigten Distanz zum Regime gelang es Moltke 1939, eine Beschäftigung als Spezialist für Kriegs- und Völkerrecht in der Abwehrabteilung des Oberkommandos der Wehrmacht zu finden. Gedeckt vom Chef der Abwehr, Admiral Wilhelm Canaris, setzte er sich hartnäckig für die korrekte Behandlung von Kriegsgefangenen ein, trat Willkür entgegen und konnte in nicht wenigen Fällen Erschießungen und Deportationen verhindern.

Außerdem unterhielt er geheime Kontakte zu den Westmächten und zu den Widerstandsbewegungen in den von Deutschland besetzten Ländern. Mehrfach schmuggelte er Warnungen vor Strafaktionen der Gestapo ins Ausland.

Im "Kreisauer Kreis" schließlich, benannt nach dem schlesischen Familiengut der Moltkes, beteiligte er sich an den Entwürfen für eine geistige, politische und soziale Neuordnung Deutschlands und Europas nach dem erhofften Ende der Nazi-Herrschaft.

Der "Kreisauer Kreis" war das Zentrum des bürgerlichen Widerstands gegen Hitler in Deutschland. Moltke selbst lehnte ein Attentat auf Hitler ab und dachte an eine Verhaftung des Diktators. Das neue Deutschland sollte nicht mit einem Mord beginnen. Diese Frage war jedoch innerhalb der Gruppe umstritten.

Die Kreisauer wollten ein Ende der nationalen Machtpolitik und ein geeintes Europa. "Moltke war ein europäischer Visionär", sagt der Moltke-Biograf Günter Brakelmann, Historiker und Theologe in Bochum. Der neue deutsche Staat sollte sich in überschaubaren Einheiten basisdemokratisch von unten nach oben aufbauen und dem Einzelnen Grundrechte garantieren. Eine wichtige Rolle maßen die Kreisauer den Kirchen zu, da sie die grundlegenden Werte im NS-Staat zerstört sahen. Moltke forderte in seinen Denkschriften "das Ende der Machtpolitik, das Ende des Nationalismus, das Ende des Rassegedankens, das Ende der Gewalt des Staates über den Einzelnen".

Am 19. Januar 1944 wurde Moltke verhaftet und zunächst in das Berliner Gestapo-Gefängnis, später in das KZ Ravensbrück nördlich von Berlin eingeliefert. Im Konzentrationslager vertiefte er sich unter anderem in die Schriften Luthers und in die Bibel. Immer stärker wandte er sich dem christlichen Glauben zu. Die Gespräche im "Kreisauer Kreis" und seine religiöse Haltung legte ihm der Volksgerichtshof als Hochverrat aus und verurteilte ihn zum Tode. Günter Brakelmann bezeichnet Moltke deshalb als "evangelischen Märtyrer".

"Wir haben nur gedacht", schrieb Moltke vor seinem Tod. "Und vor den bloßen Gedanken hat der Nationalsozialismus eine solche Angst, dass er alles, was damit infiziert ist, ausrotten will." Am gleichen Tag wie Moltke wurden in Berlin-Plötzensee neun weitere Widerständler hingerichtet, darunter der katholische Gewerkschafter und Journalist Nikolaus Groß.

Die Entwürfe des Kreisauer Kreises überdauerten das Kriegsende unter den Dachsparren des Kreisauer Schlosses. Auf dem früheren Gutshof der Moltkes in Polen befindet sich heute eine europäische Begegnungsstätte, unterstützt von der Freya von Moltke Stiftung für das Neue Kreisau.