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Menschenfreund und Religionskritiker

Menschenfreund und Religionskritiker

Ludwig Feuerbach (1804 - 1872)

Menschenfreund und Religionskritiker

(www.jesus-online.de)"Der Zweck meiner Schriften […] ist: die Menschen aus Theologen zu Anthropologen, aus Theophilen zu Philanthropen, aus Kandidaten des Jenseits zu Studenten des Diesseits, aus religiösen und politischen Kammerdienern der himmlischen und irdischen Monarchie und Aristokratie zu freien, selbstbewußten Bürgern der Erde zu machen."

Feuerbachs Leben
Ludwig Feuerbach wird am 28. Juli 1804 in Landshut geboren. Sein Vater ist Rechtsgelehrter, lässt seinen Sohn katholisch taufen und protestantisch erziehen. Ludwigs Jugend ist stark religiös geprägt. Er schlägt zunächst die Laufbahn des Theologen ein und beginnt 1823 ein entsprechendes Studium in Heidelberg. Nach einem Jahr hat er davon bereits genug:

Theologie "ist für mich eine verwelkte schöne Blume, eine abgestreifte Puppenhülle, eine überstiegene Bildungsstufe […]. Palästina ist mir zu eng; ich muss in die weite Welt, und diese trägt bloß der Philosoph auf seinen Schultern."

Ludwig Feuerbach wechselt nach Berlin über und wird dort Schüler des Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Nachdem Feuerbach sich in Erlangen zusätzlich mit Naturwissenschaften beschäftigt hat, macht er dort 1828 seinen Doktor und wird im gleichen Jahr zum Professor ernannt.

1830 veröffentlicht er anonym sein erstes philosophisches Werk, in dem er die Unsterblichkeit der Seele leugnet und die christliche Jenseitshoffnung bestreitet. Das bringt ihn in Konflikt mit Staat und Kirche gleichermaßen. Als die Zensur Feuerbach als Autor ermittelt, ist seine Professoren-Karriere beendet, noch bevor sie richtig begonnen hat.

Im zwischenmenschlichen Bereich ist Feuerbach zunächst erfolgreicher. 1837 heiratet er die reiche Fabrikantin Berta Löw und führt ein Leben als Privatgelehrter auf Schloß Bruchberg bei Ansbach. In seinem späteren Leben muss Feuerbach jedoch wieder herbe persönliche Rückschläge einstecken: Seine Tochter Mathilde stirbt im Alter von drei Jahren; durch den Bankrott der Porzellan-Fabrik seiner Frau geht die finanzielle Absicherung der Familie verloren.

1841 erscheint Feuerbachs Hauptwerk, das "Wesen des Christentums", gefolgt von seinen "Grundsätzen der Philosophie der Zukunft" und einer Schrift über das "Wesen der Religion".

Im Revolutionsjahr 1848 schlägt sich Feuerbach als »Kommunist« auf die Seite der Aufständischen, wobei er Gewalt als Mittel der Politik ablehnt. 1870 schließt er sich der SPD an.

Am 13. September 1872 stirbt Ludwig Feuerbach in Rechenberg bei Nürnberg nach einem Schlaganfall.
Feuerbachs Lehre

"Feuerbach ist unser größter Prophet, es gibt keinen anderen Weg zur Wahrheit als durch den Feuerbach. Er ist das Purgatorium (Fegefeuer) der Gegenwart." (Karl Marx)
Feuerbach, der Reformator

Ludwig Feuerbach hat sich intensiv mit Martin Luther beschäftigt. Er selber sah sich als Reformator der modernen Philosophie, als Schöpfer einer "Philosophie der Zukunft". Feuerbachs "Reformation" bestand in der Forderung: Die Philosophie muss sich wieder mit den Dingen beschäftigen, die sie bisher aus ihrem Bezirk ausgegrenzt oder zumindest abgewertet hat: die Sinnlichkeit des Menschen, sein Alltagsleben, seinen Leib. Kopf und Herz des Menschen sollen wieder miteinander in Einklang gebracht werden:

"Das Herz revolutioniert – der Kopf reformiert; der Kopf bringt Dinge zu Stande, das Herz in Bewegung. Aber nur wo Bewegung, Wallung, Leidenschaft, Blut, Sinnlichkeit, da ist auch Geist."

Sinnlichkeit statt Vernunft

Feuerbach begreift den Menschen nicht zuerst als Vernunftwesen, sondern als sinnliches Lebewesen. Was der Mensch mit seinen fünf Sinnen wahrnimmt, das und zuerst das ist für ihn wirklich. Was der Mensch hört und sieht, was er riecht, schmeckt und berührt, das hat für ihn oberste Realität. Und erst danach denkt er sich was dazu.

"Ich bin vom Übersinnlichen zum Sinnlichen übergegangen, habe aus der Unwahrheit und Wesenlosigkeit des Übersinnlichen die Wahrheit des Sinnlichen abgeleitet."

"Sinnlichkeit ist Wirklichkeit." Mit dieser Konzentration auf die sinnliche, die materielle Seite des menschlichen Lebens ist Ludwig Feuerbach zu einem der Wegbereiter von Karl Marx geworden.
Diesen Beitrag gibt es auch zum Hören: Feuerbachs Leben / Feuerbachs Werk
Gott als Projektion

Der Mensch sagt "Gott" – meint aber eigentlich sich selbst, genauer: die menschliche Gattung, die Menschheit als Ganze. Der Mensch sagt "Gott" und stellt sich darunter ein von ihm unabhängiges höchstes Wesen vor, das alle die Eigenschaften hat, die ihm, dem einzelnen Menschen abgehen. In Wirklichkeit handelt es sich bei diesen scheinbar göttlichen Eigenschaften jedoch um die Wesensmerkmale der Gattung Mensch.

"Das Wissen von Gott ist das Wissen des Menschen von sich, von seinem eigenen Wesen.« »Gott ist der personifizierte Gattungsbegriff des Menschen."

Der einzelne Mensch ist sterblich, die Gattung Mensch lebt unendlich; der einzelne Mensch verfügt nur über ein begrenztes Wissen und eine eingeschränkte Macht, die Menschheit als Ganze ist allwissend und allmächtig. Diese und andere Wesensmerkmale seiner Gattung überträgt der Mensch nun irrtümlicherweise auf ein Wesen außerhalb seiner selbst, projiziert sie wie mit einem Videobeamer in den an sich leeren Himmel hinein und nennt das Ergebnis "Gott". Kurz: Der Mensch schafft Gott nach seinem Bilde.

Feuerbach hält dem entgegen:
"Die Persönlichkeit Gottes ist die von allen Bestimmungen und Begrenzungen der Natur befreite Persönlichkeit des Menschen."
"Das Geheimnis der Trinität ist das Geheimnis des gesellschaftlichen, gemeinschaftlichen Lebens."
"Das Geheimnis der Inkarnation ist das Geheimnis der Liebe Gottes zum Menschen, das Geheimnis der Liebe Gottes aber das Geheimnis der Liebe des Menschen zu sich selbst."

Anthropotheismus: die Vergötterung des Menschen

Feuerbach will den Glauben an Gott beseitigen, als Illusion entlarven. Aber er will nicht die Religion an sich beseitigen. Er überträgt sie vielmehr auf den Menschen selbst. Wenn der Mensch »Gott« sagt und dabei eigentlich sich selbst, die menschliche Gattung meint, dann gebührt auch dieser Gattung die Ehre, die früher Gott zukam. Der Mensch darf und soll sich nach Feuerbach demnach selbst vergöttern. Das nennt man Anthropotheismus.

"Gott war mein erster Gedanke, die Vernunft mein zweiter, der Mensch mein dritter und letzter Gedanke." "Der Mensch […] ist sich das Maß aller Dinge, aller Wirklichkeit."

Ich und du

Weil Gott für Feuerbach als persönliches Gegenüber des Menschen wegfällt, kommt der Mitmensch wieder stärker in den Blick. Jeder Mensch wird ein Ich nur im gegenüber zu einem Du; jeder Mensch ist selber für ein anderes Ich ein Du. Anders als Gott ist der Mitmensch sinnlich erfahrbar; anders als Gott braucht er Nähe und Liebe.

"Das Wesen des Menschen ist nur in der Gemeinschaft, in der Einheit des Menschen mit dem Menschen enthalten." – "Der Mensch […] wird erst durch den Menschen Mensch."

Ich und Du – mit diesen Überlegungen ist Ludwig Feuerbach zum Vordenker des jüdischen Philosophen Martin Buber und seinem dialogischen Prinzip geworden.

Würdigung und Kritik

Mit seiner ganzheitlichen Sicht des Menschen hat Ludwig Feuerbach die Bibel auf seiner Seite. Seine Entdeckung der Ich-Du-Beziehung war in der Tat zukunftsweisend. Feuerbachs Rede von der "menschlichen Gattung" ist jedoch ihrerseits eine Projektion, eine Einbildung, die keinen Rückhalt an der Wirklichkeit hat. Denn die menschliche Gattung, die Menschheit als Ganze, gibt es nicht. Es gibt nur zahlreiche Völker und Nationen – und noch mehr einzelne und unterschiedliche Menschen.

Die Überzeugung, dass die menschliche Gattung den Planeten Erde ewig bewohnen soll und dabei immer klüger und mächtiger wird, entspringt dem für das 19. Jahrhundert typischen Fortschrittsglauben. Ein Glaube, den die Geschichte des 20. Jahrhunderts gründlich widerlegt hat. Und was passiert, wenn der Mensch, wenn ein einzelnes Volk sich selbst vergöttert und einen der ihren als Gott-gleichen Führer verehrt, das hat man in Deutschland einige Jahrzehnte nach Ludwig Feuerbach durchexerziert.

Gewiss ist der philosophische Möchtergern-Reformator nicht der Hauptverantwortliche für das Dritte Reich. Doch hat Ludwig Feuerbach gemeinsam mit Friedrich Nietzschen den geistigen Nährboden vorbereitet, auf dem der Nazionalsozialismus gedeihen konnte.

Stephan Steinseifer

Erschienen am: 29.07.2004