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Philipp Jakob Spener starb vor 300 Jahren

Philipp Jakob Spener starb vor 300 Jahren

Philipp Jakob Spener starb vor 300 Jahren
(www.ekhn.de)
Eine Annäherung an den Begründer der kirchlichen Erneuerungsbewegung des »Pietismus« • Von Volker Rahn
Philipp Jakob Spener war nach Frankfurt gekommen, um die Kirche mit neuem Geist zu beleben. Statt dessen schieden sich an ihm die Geister. In der Handelsmetropole am Main legte der Theologe den Grundstein für die umfassendste Reform des evangelischen Glaubens seit Martin Luther: den »Pietismus«. Spener starb am 5. Februar vor 300 Jahren.
Fromme Bücher statt buntes Treiben
Als Philipp Jakob Spener im Jahre 1666 aus dem eher beschaulichen Straßburg in Frankfurt eintraf, traute der neue Chefprediger der Stadt seinen Augen kaum. In dem quirligen Ort am Main herrschte buntes Treiben. Die Sonntagsheiligung wurde an Messetagen außer Kraft gesetzt und die Geschäfte hatten geöffnet. Juden durften in der schon damals multikulturellen Metropole ohnehin am Sonntag Handel treiben. Unterdessen schallte der Hall vom Würfel- und Kommödienspiel bis ins Innere der Kirchenmauern.
Kein Wunder, dass der Theologe in seinen Predigten in der einstigen Barfüßerkirche im Stadtzentrum dazu aufrief, statt Würfel, Karten und Gläser lieber fromme Bücher zur Hand zu nehmen und sich über die gehörte Predigt zu besprechen. Dieser Anregung folgten schon bald »etliche Haußhaltungen mit christlichen Übungen unter ihnen«. Die ersten Hauskreise waren geboren. Und damit der Kern der neuen Frömmigkeitsbewegung, des so genannten »Pietismus«.
Nur langsam setzte sich der Begriff »Pietismus« für die neue Glaubensrichtung durch. Er taucht in Speners Schriften erstmals um 1680 auf. Noch nach dem Tod des pietistischen Urvaters sinnierte August Hermann Francke, einer seiner theologischen Nachfahren: »Niemand hat bis diese Stunde eine warhafte Definition geben können, was denn der Pietismus sey.«
Die kirchliche Obrigkeit kritisiert Speners Wirken
Schnell hingegen wuchs die Skepsis der kirchlichen Obrigkeit gegen die neue Strömung. Kirchenleitungen witterten das Entstehen sektiererischer Gruppen. Und so wetterte beispielsweise der Lübecker Superintendent Meno Hannecken über die »Christliche Prob der neuen Schwermerei, da etliche Manns- und Weibspersonen eigene kleine Zusammenkunfft halten«.
Spener indessen ging es nicht um Sektierertum. Angesichts eines weitgehend zu Dogmen erstarrten Christentums suchte er nach einer authentischen evangelischen Spiritualität. Zum einen war der lutherische Theologe nicht gerade das, was man einen Revolutionär zu nennen pflegt, wie zeitgenössische Quellen immer wieder berichten. Die gerade neu entstehende Frömmigkeitsrichtung versuchte er immer wieder an die Volkskirche zu binden.
Orientierung für die geschundenen Menschen
Zum anderen hatte er ein tiefes Gespür dafür, in welche Krise die traditionellen evangelischen Kirchen geschlittert waren. Nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges konnten sie den geschundenen Menschen keine Orientierung - geschweige denn Halt - geben. Zwar wurde, so Spener, seinerzeit viel und lange gepredigt. Doch nur wenig vom Evangelium kam davon bei den Hörern an.
Durch das intensive Studium von Luthers Schriften hatte er zugleich bemerkt, dass die reformatorischen Kirchen sich meilenweit von ihren Ursprungsidealen entfernt hatten. Unbarmherzig prangert er deshalb die kirchlichen Missstände an: nachlässige Obrigkeit, verlotterte Theologen, ungläubiges weil ungebildetes Kirchenvolk. Er trat für eine grundlegende Erneuerung des christlichen Glaubens von der Basis her ein. Und mit seinem Bestreben setzte Spener die umfassendste evangelische Reformbewegung nach Martin Luther in Gang. Eigentlich hatte Spener seine Ideen zu einer neuen Kirchenreform als schlichtes Vorwort zu einer Neuauflage eines Evangelienkommentars von Johann Arndt verfasst.
"Fromme Wünsche" als Grundlagenwerk des Pietismus
Doch seine 28 Seiten umfassenden »Frommen Wünsche«, die »Pia Desideria«, gab er im Herbst 1675 auch als separates Buch heraus. Der vollständige Titel sagt fast alles: »Pia Desideria oder herzliches Verlangen nach gottgefälliger Besserung der wahren evangelischen Kirchen samt einigen dahin einfältig abzweckenden christlichen Vorschlägen«. Das Werk wurde zur Heiligen Schrift des Pietismus. Spener beklagt sich darin zunächst bitter über die Obrigkeit, die es vernachlässige, »Pfleger der Kirche« zu sein. Die Hauptschuld an der Misere trage aber der »verderbte«? Predigerstand. Dass die Pfarrherren an den Universitäten die reine christliche Lehre erlernten und später weitergäben, ist für ihn nicht genug. Er fordert einen lebendigen Glauben der Würdenträger. Die Theologie ist für ihn schließlich nicht nur eine Wissenschaft, sondern vor allem eine Frage der Haltung. Doch auch die Kirchengemeinden selbst trügen ein gerüttelt Maß Verantwortung für dem Niedergang des Christlichen. Ihnen ginge ein lebendiger Glaube ab.
Zukunftsoptimismus statt Gejammer
Trunkenheit, überflüssige Rechtsstreitereien und wirtschaftliches Gewinnstreben, das zum »Aussaugen der Armen« führe, beherrschten den Alltag. Die Regeln des Christentums, in dem die Nächstenliebe das Zentrum darstellen müsse, seien weithin vergessen, analysiert Spener. Trotz der düsteren kirchlichen Lage hat Spener Hoffnung auf Besserung: »Sehen wir die Heilige Schrift an, so haben wir nicht zu zweifeln, dass Gott noch einigen bessern Zustand seiner Kirche hier auf Erden versprochen hat.«
Genau dieser Zukunftsoptimismus ist es, der Spener von vielen kirchlichen Zeitgenossen unterschied. Andere moserten über den Zustand der Welt und ihrer Kirche. Spener arbeitete auf das Himmelreich hin. Das Echo auf seine Reformschrift war dennoch verhalten. Fast überall stieß sie zwar auf Zustimmung. Aber Spener stellte selbst ernüchtert fest: »An dem Handanlegen mangelt's fast aller Orten«.
Es dauerte noch fast 20 Jahre nach Erscheinen der »Pia Desideria«, bis sich seine Erneuerungsgedanken in größerem Stil durchsetzten. Die Hoffnung darauf hatte er nie verloren. Und die Kirchengeschichtler sind sich einig: Als Spener am 5. Februar 1705 in Berlin starb, hatte er ein Ansehen in der evangelischen Kirche, wie es kein Theologe nach Luther besessen hatte.
Speners Bedeutung heute
Aber was ist von Spener geblieben? Spötter sagen, dem Begründer des Pietismus sei es vor allem zu verdanken, dass Frankfurt über zwei Jahrhunderte eine karnevalsfreie Zone blieb. Vor dem Stadtrat hatte Spener in seiner zwei Jahrzehnte währenden Amtszeit dafür gefochten, dem papistischen Schabernack ein Ende zu bereiten. Dem Theologen waren »weltflüchtige Neigungen« ohnehin ein Gräuel. Und dazu gehörte für ihn selbst der gemütliche Sonntagsspaziergang.
Doch im Ernst: Es ist heute oft Selbstverständliches in der kirchlichen Arbeit, das bei Spener seinen Anfang nahm. So war es nicht etwa Martin Luther, der auf das Bibellesen des Volkes sonderlich drang. Dem Reformator war es genug, wenn der »gemeine Mann« sich seinen Katechismus zu Gemüte führte.
Doch Spener drückte selbst Dienstmägden und Handwerksgesellen die Bibel in die Hand und erklärte sie ihnen. An die »Hausväter« appellierte er: »Das ist ja nicht schwierig, dass jeder seine Bibel oder wenigstens sein Neues Testament bei der Hand habe und täglich etwas in solchem lese oder wenn er des Lesens unerfahren, sich von anderen vorlesen lasse.« Das hatte es vorher noch nicht gegeben. Bei Luther galt »Allein die Schrift.« Speners Motto war: »Die Schrift ist alles.«
Fromme Sprüche waren Spener indessen nicht genug. Auch wenn es mitunter nicht den Anschein erweckt: Der Mann, der für eine neue Innerlichkeit stritt, war auch ein Mann der Praxis. Auf seinen Einfluss geht etwa die Gründung eines Armenhauses in Frankfurt zurück. Spener machte sich zudem für die Belange der Jugend stark. In ihr sah er den Keim für die Zukunft der Kirche. Er engagierte sich hier so sehr, dass man bei seinem Wechsel von Frankfurt nach Dresden an seinem neuen Wirkungsort spöttelte, man habe einen Hofprediger bestellt und einen Dorfschulmeister erhalten.

Spener als einer der ersten evangelischen "Global Player"
Und noch etwas ist hochmodern an Spener. Bisher noch wenig erforscht sind seine internationalen Kontakte. Kirchengeschichtler gehen heute davon aus, dass er wesentliche Impulse von dem britischen Puritanismus erhielt. Später wanderten Speners Ideen sogar selbst über den Atlantik: 1677 war der Quäker William Penn in Frankfurt zu Gast, bevor er in Amerika seine neue Kolonie »Pennsylvanien« gründete. Spener wurde damit einer der ersten protestantischen »Global Player«.
Lesetipp:
Wolfgang Bromme u. a.: Nicht nur fromme Wünsche - Philipp Jakob Spener neu entdeckt. Evangelische Verlagsanstalt / Spener Verlag, 159 Seiten, 10 Euro.
Speners Leben in Kürze
1635: Philipp Jakob Spener wird im elsässischen Rappoldsweiler als Sohn eines Juristen geboren.
1651-1659: Studium der Theologie in Straßburg, akademische Studienreisen nach Basel, Genf, Württemberg.
1663: Hilfsprediger in Straßburg
1666-1686: Senior des Predigtministeriums in Frankfurt am Main und damit Leiter der dortigen Pfarrerschaft.
1686-1691: Oberhofprediger in
Dresden.
1691-1705: Propst an der Berliner
Nikolaikirche.
1694: Mitbegründer der Universität Halle; Spener macht sich auch einen Namen als Experte für Wappenkunde und Stammbaumforschung.
5. Februar 1705: Tod in Berlin.