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Vor 25 Jahren starb der Theologe Martin Niemöller

Die Frage "Was würde Jesus dazu sagen?" war sein Kompass

Vor 25 Jahren starb der evangelische Theologe und Widerstandskämpfer Martin Niemöller
04. März 2009
(www.ekd.de)

Kaum eine Gestalt des Protestantismus hat im vergangenen Jahrhundert die Menschen so bewegt wie Martin Niemöller. Durch seine radikalen Wendungen stieß er viele immer wieder vor den Kopf. Er dachte und handelte gegen den Strom, rieb Salz in offene Wunden und trotzte den Autoritäten. Andererseits machte er der jungen Nachkriegsgeneration auch mächtig Lust auf Politik. Der Mitbegründer der "Bekennenden Kirche" in der NS-Zeit und erste hessen-nassauische Kirchenpräsident starb vor 25 Jahren, am 6. März 1984, in Wiesbaden. Begraben ist er in Wersen bei Osnabrück, der Heimat seiner Vorfahren.
Niemöller sprach im Nachkriegsdeutschland über Schuld und Verantwortung, bekannte sich öffentlich zu seinen eigenen Fehlern und zu den Fehlern der Kirche. Und mischte sich mit der Bergpredigt Jesu politisch ein.
Sein Kompass ist seit seinem neunten Lebensjahr die Frage "Was würde Jesus dazu sagen?" So geleitet wird er zum Anwalt für die Länder des Südens, spricht im Kalten Krieg von Feindesliebe und "bohrt Brücken der Versöhnung in den Eisernen Vorhang", wie Martin Stöhr formuliert, Theologe und Vorsitzender der Niemöller-Stiftung.
Dabei lernt Niemöller, geboren am 14. Januar 1892 im westfälischen Lippstadt, schon früh Zucht und Ordnung, Vaterlandsliebe und Obrigkeitshörigkeit. Kein Wunder also, dass der Sohn des kaisertreuen lutherischen Pfarrers Heinrich Niemöller und seiner Frau Paula unmittelbar nach dem Abitur als Seekadett in die Kaiserliche Marine eintritt. Im Ersten Weltkrieg bringt er es bis zum U-Boot-Kommandanten.
Weil der damals politisch weit rechts stehende Niemöller der Weimarer Republik nicht als Soldat dienen will, beteiligt er sich am Kampf gegen die Kommunisten. 1920 beginnt er in Münster, Theologie zu studieren. Als Pfarrer und Geschäftsführer bei der Inneren Mission in Westfalen (1923-1931) sympathisiert er mit den Nationalsozialisten. Doch die kirchenfeindlichen Einstellungen der Nazis lassen ihn auf Distanz gehen. Die Kirche Jesu Christi, so seine Überzeugung, hat einzig und allein auf das Wort Gottes zu hören.
1931 wird Niemöller Gemeindepfarrer in Berlin-Dahlem. Dort gründet er zusammen mit Gleichgesinnten wie dem 1945 von den Nationalsozialisten ermordeten Dietrich Bonhoeffer den "Pfarrernotbund", Vorläufer der "Bekennenden Kirche". Als Niemöller im Januar 1934 zusammen mit anderen führenden Mitgliedern des Pfarrernotbundes versucht, den Rücktritt des deutsch-christlichen Reichsbischofs Ludwig Müller durchzusetzen, kommt es zum Bruch mit Hitler.
Der charismatische Redner Niemöller erhält Predigtverbot, das er jedoch ignoriert. Auch die Gestapo-Bespitzelungen und -verhöre und die rund 40 Verfahren gegen ihn machen ihn nicht mürbe. Am 1. Juli 1937 wird er verhaftet und zu sieben Monaten Festungshaft verurteilt. Am 2. März 1938 wird er erneut festgenommen und "als persönlicher Gefangener des Führers" ins Konzentrationslager Sachsenhausen und später nach Dachau verschleppt, wo er bis Kriegsende einsitzt.
Die Befürchtungen des Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann, die Nazis hätten Niemöller im Lager zu einem "speichelnden Idioten" gemacht, erweisen sich als unbegründet. Seelisch und körperlich ungebrochen beteiligt er sich am Aufbau eines neuen, demokratischen Deutschlands - und sitzt bereits wenige Wochen nach seiner Befreiung wieder zwischen allen Stühlen.
Grund ist das "Stuttgarter Schuldbekenntnis" vom Oktober 1945, mit dem die evangelische Kirche ihre Mitschuld am Nationalsozialismus bekennt. Vielen Kirchenvertretern geht eine auf Drängen Niemöllers aufgenommene Passage zu weit: "Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden ... Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben".
Die Erklärung bahnt den deutschen Protestanten den Weg zurück in die weltweite Christenheit. Als stellvertretender Ratsvorsitzender und Leiter des Außenamts der Evangelischen Kirche in Deutschland wirbt Niemöller auf zahlreichen Auslandsreisen erfolgreich um Vertrauen. Ein Sturm der Entrüstung erhebt sich, als Niemöller im Januar 1952 nach Moskau fährt, um den Beitritt der russisch-orthodoxen Kirche zum Weltkirchenrat vorzubereiten. Er wird als "Agent Moskaus", als "Vaterlandsverräter" und "Störer des konfessionellen Friedens" verspottet. Sieben Jahre später sorgt der ehemalige U-Boot-Offizier erneut für einen Eklat, als er in Kassel Eltern davor warnt, ihre Söhne zur Bundeswehr zu schicken und sie zum "Verbrecher" ausbilden zu lassen.
Mit der ihm eigenen Unnachgiebigkeit und Sprachmacht wendet er sich gegen die Wiederbewaffnung und das Wettrüsten der Großmächte. Bei Kundgebungen gegen die Atomkraft, bei Ostermärschen und Mahnwachen steht Niemöller in der ersten Reihe. 1961 wird er zu einem der sechs Präsidenten des Weltkirchenrats gewählt und reist in viele Länder des kommunistischen Machtbereichs: Die DDR, Ungarn, Polen, aber auch Nord-Vietnam.
Niemöller legt Ende des Jahres 1964 sein Amt als hessen-nassauischer Kirchenpräsident nieder und widmet sich fortan intensiver als je zuvor seinem Thema der letzten Jahre - dem Engagement für den Frieden. 1967 wird er Ehrenpräsident des Weltfriedensrates und 1976 Ehrenpräsident der Deutschen Friedensgesellschaft. Noch zu seinen Lebzeiten wird 1980 in Wiesbaden die Martin-Niemöller-Stiftung gegründet, die bis heute das Erbe des Widerstandskämpfers, Friedensaktivisten und Predigers einer "Kirche für andere" pflegt. (epd)