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Zum 200. Geburtstag Eduard Mörikes

Zum 200. Geburtstag Eduard Mörikes

Pfarrer, Dichter, Müßiggänger - Zum 200. Geburtstag Eduard Mörikes

(www.jesus-online.de)
Herr! schicke, was du willt,
Ein Liebes oder Leides;
Ich bin vergnügt, dass beides
Aus Deinen Händen quillt.

Das "Gebet" – Eduard Mörikes wohl bekanntestes geistliches Gedicht.

Geboren wird Mörike am 8. September 1804 in Ludwigsburg. Als er 13 Jahre alt ist, stirbt sein Vater. Fortan kümmert sich der Onkel um die Ausbildung des kleinen Eduard. Er steckt ihn ins niedere theologische Seminar von Urach, später ins Tübinger Stift. Die Pfarrer-Laufbahn ist Mörike damit mehr oder weniger aufgezwungen worden. Er reagiert darauf, indem er erst ein schlechter Schüler und dann ein lausiger Student wird.

Immerhin absolviert er im Herbst 1826 sein theologisches Examen und wird Vikar. Acht Jahre ist er an nicht weniger als elf Orten eingesetzt worden – mal als Unterstützung für den hauptamtlichen Pfarrer, mal als sein Alleinvertreter. Auf Mörikes dringendes Bitten wird er schließlich 1834 zum Pfarrer von Cleversulzbach ernannt.

Doch glücklich geworden ist er in diesem Amt nicht. Im Alter von 39 Jahren lässt Mörike sich in den vorzeitigen Ruhestand schicken, versehen mit einer bescheidenen Pension. Die Gründe, die er für sein Entlassungsgesuch anführt, sind gesundheitlicher Natur. Wenn man den hochdramatischen Brief heute liest, dann weiß man nicht, ob man den amtsmüden Pfarrer belächeln oder bedauern soll.

Es folgen für Mörike erneut Jahre der Wanderschaft und der permanenten Geldsorgen. Eine zeitlang bessert er seinen Lebensunterhalt auf durch Literatur-Vorlesungen am Stuttgarter Katharinenstift.

Mörikes Leben endet am 4. Juni 1875 in Stuttgart. Er stirbt als angesehener und hochdekorierter Dichter.

Mörike und die Frauen

Eduard Mörike war ganz gewiss kein Casanova der Biedermeierzeit. Doch in seinem Leben haben gleich mehrere Frauen eine wichtige und meist unglückliche Rolle gespielt. Mörikes erste Liebe hieß Klärchen Neuffer. Sie war seine Cousine und hat später einen Pfarrer geheiratet.

In seiner Studentenzeit in Tübingen hat der angehende Pfarrer dann Maria Meyer kennen gelernt. Eine junge Frau von zweifelhafter Herkunft und ebenso zweifelhaftem Lebenswandel. Sie arbeitete als Schankmädchen, war zugleich jedoch recht belesen und gebildet.

Was genau zwischen Mörike und Maria Meyer vorgefallen ist, darüber rätseln die Literaturwissenschaftler bis heute. Fest steht, dass der Tübinger Student sich heftig in das bildhübsche Mädchen verliebt und die Beziehung irgendwann ebenso entschieden wieder beendet hat. Anschließend vernichtete er alle schriftlichen Zeugnisse darüber.

Luise Rau lautet der Name von Frau Nr. 3 in Mörikes Leben. Luise stammte aus einer Pfarrer-Familie und wollte eine eben solche auch selber gründen. Als ihr Verlobter Eduard zu lange im Vikariat herumdümpelte, gab sie ihm den Laufpass.

1851 hat Mörike dann schließlich doch geheiratet. Margarete von Speeth hieß seine Angetraute. Zwei Töchter hat er mit ihr gezeugt – und es dann nicht mehr mit ihr ausgehalten. Der Grund war Mörikes Schwester Klara, eine Frau, die in seinem Leben sozusagen immer außer Konkurrenz mitlief. Sie war Margarethe zunächst freundschaftlich zugetan, in der Dreierbeziehung mit Eduard sind die Spannungen dann jedoch so groß geworden, dass die Ehe der Mörikes daran zerbrach. Man ließ sich zwar nicht scheiden, ging jedoch getrennte Wege.

Mörike als Pfarrer

Will man es hart und schonungslos auf den Punkt bringen, so muss man sagen: Als Pfarrer hat Eduard Mörike offensichtlich versagt. (Wobei die ihm anvertrauten Gemeinden z. T. durchaus zufrieden mit ihm gewesen sind.) Eine der elementarsten Pflichten jedes Geistlichen, die Verkündigung des Wortes Gottes von der Kanzel herab, sie weckte in Mörike einen wachsenden Widerwillen. Oft ließ er sich von Kollegen vertreten oder trug kurzerhand die Predigten eines befreundeten Pfarrers vor. Im Blick auf derartige Machenschaften hat ihn ein schwäbischer Amtsbruder einmal als "faules Luder" bezeichnet.

Bei seinen kirchlichen Vorgesetzten stieß der ewig kränkelnde Pfarrer dagegen auf mehr Verständnis. Diverse Beurlaubungsanträge und sein Entlassungsgesuch wurden ohne große Beanstandungen seitens der Kirchenleitung gewährt. Dass er wegen mangelndem christlichem Glauben aus dem Amt geschieden sei, diesen Vorwurf hat Mörike vehement zurückgewiesen.

Als Seelsorger mag der Dichter-Pfarrer übrigens erfolgreicher gewesen sein. Zumindest zeugen die Briefe an seine Freunde davon, dass Mörike ein feinfühliger Zuhörer und behutsamer Ratgeber war.

Mörike als Dichter

"Maler Nolten", so ist das erste Werk überschrieben, das Eduard Mörike 1832, im Todesjahr Goethes, veröffentlicht hat. Auf den ersten Blick handelt es sich dabei um einen Künstler- oder Bildungsroman in der Nachfolge von Goethes "Wilhelm Meister". In Wirklichkeit ist der "Maler Nolten" jedoch eine Art Liebestragödie, die für alle Hauptpersonen tödlich endet. Die zentralen Themen des umfangreichen, zweibändigen Werkes sind die Licht- und Schattenseiten der Liebe und die unheilvolle Macht der Vergangenheit.

Nicht nur inhaltlich ist Mörikes erster und einziger Roman äußerst vielschichtig, es begegen dem Leser darin auch eine Vielfalt unterschiedlicher literarischer Formen. Auszüge aus Tagebüchern und Briefen z. B., ein kleines Theaterstück, das die Geschichte der sagenhaften Insel Orplid und ihrer merkwürigen Bewohner erzählt und schließlich: Gedichte, unter anderem das berühmte "Frühling lässt sein blaues Band".

Gesondert hat Eduard Mörike seine Gedichte erstmals 1838 publiziert. In seiner Lyrik spielt er virtuos mit den mythischen Figuren und metrischen Formen der antiken Poesie. Er bedichtet Naturerscheinungen, wie z. B. eine schöne Buche mitten im Wald, oder Gebrauchsgegenstände wie etwa eine Lampe. Und in einem Gedicht lässt er gar, in heiter-ironischer Weise, den alten Turmhahn seiner Cleversulzbacher Kirche zu Wort kommen.

In gut romantischer Tradition hat Eduard Mörike sich auch als Märchenschreiber versucht. "Der Schatz" und "Das Stuttgarter Hutzelmännlein" sind zwei Beispiele dafür. Zu erwähnen bleibt noch die "Idylle vom Bodensee", ein in Hexametern abgefasstes Versepos um die Gestalt des Fischers Martin. Und schließlich sein Alterswerk, die Novelle "Mozart auf der Reise nach Prag". Darin hat Mörike dem von ihm hoch geschätzten Komponisten Wolfgang Amadeus Mozart und seiner Oper Don Giovanni ein literarisches Denkmal gesetzt.

Mörikes Glaube

Der Pfarrer Eduard Mörike hatte eine Abneigung gegen das Predigen. Die Verkündigung irgendwelcher Botschaften sucht man denn auch in den literarischen Produkten des Poeten Mörike vergeblich. Zwar gibt es ausgesprochen geistliche Werke von ihm, wie z. B. die Gedichte "Karwoche" oder "Auf eine Christrose". Sie enthalten Elemente der christlichen Glaubenslehre, aber insgesamt belässt es ihr Autor bei Andeutungen. Seine Leser müssen es sich selber zusammenreimen, was ihnen Mörike wohl sagen will.

In seiner 2004 erschienen Biografie macht der Theologe Reiner Strunk neuerdings auf Mörikes ureigene "Spiritualität der Betrachtung" aufmerksam. Gerade die Gedichte, in denen der Pfarrer und Poet auf den ersten Blick bloße Naturerscheinungen beschreibe, gerade diese Gedichte vermittelten den Durchblick auf eine hinter den Naturdingen liegende Schöpfungswirklichkeit oder auf die christliche "Erlösungshoffnung".

Mit zwei Gedichten hat es Eduard Mörike schließlich sogar bis ins Evangelische Gesangbuch gebracht. In einigen Regional-Teilen findet sich nicht nur sein "Kirchengesang" "Zum neuen Jahr", sondern auch das eingangs zitierte "Gebet":
Wollest mit Freuden
Und wollest mit Leiden
Mich nicht überschütten!
Doch in der Mitten
Liegt holdes Bescheiden.

Stephan Steinseifer

Erschienen am: 09.09.2004